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Beitrag vom 06.10.2026
Jüdinnen und Juden gegen eine Koalition mit der Linkspartei. Offener Brief an die Abgeordneten von SPD und Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus und an die demokratischen politischen Kräfte Deutschlands
Sharon Adler
Eine private Initiative Berliner Jüdinnen und Juden wendet sich mit diesem offenen Brief an die Abgeordneten von SPD und Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus sowie an die demokratischen politischen Kräfte Deutschlands. Der Journalist Nikolai Klimeniouk veröffentlicht ihn im Namen des Freundeskreises der Initiative. Unterzeichnet haben Menschen aus unterschiedlichen Milieus und Berufsgruppen. AVIVA-Berlin unterstützt die Initiative und veröffentlicht die zentralen Anliegen.
Jüdinnen und Juden gegen eine Koalition mit der Linkspartei. Offener Brief an die Abgeordneten von SPD und Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus und an die demokratischen politischen Kräfte Deutschlands
Wir, die unterzeichnenden Jüdinnen und Juden aus Berlin und ganz Deutschland, haben unterschiedliche Biografien und unterschiedliche Wege hierher. Was uns verbindet, ist die Überzeugung, dass jüdische Sicherheit, Selbstbestimmung und die Zurückweisung von Judenfeindschaft nicht verhandelbar sind.
In der Partei Die Linke und ihrem Jugendverband sehen wir antisemitische Tendenzen von strukturellem Charakter. Deshalb sprechen wir uns gegen eine Koalition von SPD und Grünen mit der Linkspartei in Berlin aus. Judenfeindlichkeit ist Menschenfeindlichkeit. Sie darf in der Politik eines demokratischen Deutschlands keinen Platz haben. Auch dann nicht, wenn davon eine Regierungsmehrheit abhängt.
Dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, zeigt sich in Äußerungen von Funktionären, in der Verharmlosung terroristischer Organisationen und in Beschlüssen ganzer Parteigliederungen. Besonders beunruhigend ist der Umgang mit der Kritik daran. Statt Vorfälle konsequent aufzuarbeiten und Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen, richtet sich die Empörung immer wieder gegen diejenigen, die das Problem benennen. "Das ist ein Angriff auf uns alle", heißt es in einer Kampagne der Partei. Der Co-Vorsitzende der Linken, Luigi Pantisano, erklärte, seine Partei werde angegriffen, weil sie sich als einzige mit den Reichen und Mächtigen anlege. So wird das Antisemitismusproblem relativiert oder geleugnet.
Zugleich wird Kritikern unterstellt, eine politische und mediale Hetzjagd gegen die Partei im Interesse rechter Kräfte und Konzerne zu betreiben. Das trifft jüdische Kritiker der Linken besonders schmerzhaft. Jüdinnen und Juden als Handlanger oder Strippenzieher sinistrer Mächte darzustellen und ihre öffentlichen Äußerungen in Verschwörungserzählungen einzuordnen, gehört zum altbekannten Repertoire der Judenfeindschaft.
Aus der Partei Die Linke und ihrem Umfeld hören wir außerdem, man müsse zwischen Antisemitismus und Antizionismus unterscheiden. Zionismus bedeutet die nationale Selbstbestimmung des jüdischen Volkes in seiner historischen Heimat, die in der Gründung des Staates Israel verwirklicht wurde. Wer Antizionismus propagiert, kritisiert nicht israelische Regierungen und deren Handeln, sondern spricht Jüdinnen und Juden das Recht auf nationale Selbstbestimmung in einem eigenen Staat ab.
Auch die Beteuerung, es gehe lediglich um Solidarität mit den Palästinensern, überzeugt uns angesichts dieser Fixierung wenig. Wir fragen, warum die Opfer von Kriegen und Massenverbrechen in anderen Teilen der Welt keine vergleichbare politische Leidenschaft auslösen; ebenso ist auffallend, wie wenig Aufmerksamkeit palästinensische Todesopfer und palästinensisches Leid finden, wenn sie von der Hamas oder anderen nichtisraelischen Akteuren verursacht werden. Deutlich wird der Widerspruch im Umgang mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Hier wendet sich die Partei gegen die militärische Unterstützung, die das angegriffene Land zu seiner Verteidigung braucht.
Ein Großteil der Jüdinnen und Juden in Deutschland haben Wurzeln in der Sowjetunion und wissen aus eigener oder familiärer Erfahrung, was der dort zur Staatsdoktrin gehörende Antizionismus in der Praxis bedeutete: institutionelle Diskriminierung und allgegenwärtige Propaganda, die Judenfeindlichkeit in der Bevölkerung befeuerte. Auch Jüdinnen und Juden aus der DDR kennen die Verbindung von antifaschistischen Beteuerungen und antizionistischer Hetze. Wir lassen uns durch Begriffsspiele nicht darüber hinwegtäuschen, welche Folgen solche Ideologien haben können.
Wir wissen, dass es auch in der Partei Die Linke Widerspruch gegen diese Entwicklung gibt. Es gibt Distanzierungen, einzelne Ausschlüsse, aber auch massiven Widerstand gegen Konsequenzen. Solange judenfeindliche Positionen in der Partei organisiert vertreten und gegen Kritik abgeschirmt werden, reichen Schutzversprechen ihrer Spitzen nicht aus.
Wir hoffen, dass Die Linke die Kritik ernst nimmt, sich mit dem Antisemitismus in ihren Reihen und auf struktureller Ebene auseinandersetzt und ihn konsequent bekämpft. Sie muss über Beteuerungen hinaus beweisen, dass sie es ernst meint. Noch ist es nicht so weit.
Deshalb appellieren wir an die demokratischen politischen Kräfte Deutschlands, Antisemitismus als Ausschlusskriterium zu behandeln, statt ihn als lästigen Schönheitsfehler eines ansonsten erwünschten Koalitionspartners hinzunehmen. Gehen Sie unter diesen Voraussetzungen keine Koalitionen mit der Linkspartei ein – weder in Berlin noch in anderen Bundesländern.
Gerade jetzt hätte eine solche Koalition Folgen über Berlin hinaus. Sie würde die Glaubwürdigkeit der Brandmauer untergraben: Wenn grundlegende demokratische Maßstäbe einer Regierungsmehrheit zuliebe verhandelbar werden und bloße Bekenntnisse genügen, kann dies als Einladung verstanden werden, auch Koalitionen mit der AfD unter symbolischen Bedingungen zu rechtfertigen. Wer die Brandmauer verteidigen will, darf ihre Grundsätze nicht selbst aushöhlen.
Das dürfen wir nicht zulassen. Berlin, 06. Oktober 2026
Für Rückfragen und weitere Informationen wenden Sie sich bitte per Email an Nikolai Klimeniouk: no2antisemitism2026@gmail.com
Der Offene Brief ist online unter: docs.google.com/document
Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner
Isak Aasvestad, Rabbiner
Michael Abramovici, Musiker
Isidoro Abramowicz, Kantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Leiter der Kantorenausbildung am Abraham Geiger Kolleg
Sharon Adler, Journalistin und Fotografin
Marina Akselbant, Rentnerin
Ramona Ambs, Schriftstellerin
Sandra Anusiewicz-Baer, Religionspädagogin
Maria Arkadieff, UI-Designerin und Komponistin
Maya Ashiniants, Grafikerin, Künstlerin
Ilona Aziz, selbstständig
Alla Barska, 1. Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Bad Pyrmont
Genia Berg, Lehrerin und Autorin
Tamar Berg, Egalitärer Minjan Frankfurt am Main
Deidre Berger, Programmleiterin, Tikvah Institut gUG
Olivia Bergmann, Rentnerin
Rebecca Bergmann, Gymnasiallehrerin
Viktor Bergmann, Rentner
Julia Bernstein, Professorin für Diskriminierung und Inklusion in der Einwanderungsgesellschaft, Frankfurt University of Applied Sciences, Vorsitzende des Netzwerks jüdischer Hochschullehrender (NJH)
André Bibo, Polizist
Tatjana Birman, Verwaltungsmitarbeiterin
Jotham Bleiberg, Musiker
Irina Bondas, Diplom-Dolmetscherin und Übersetzerin
Ljudmila Borisenko, Managerin
Oliver Bradley, Publizist
Yevgeniy Breyger, Autor
Anastasia Brodskaya, selbstständig
Shira von Broen, Sozialarbeiterin, Vorstandsmitglied der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover KdöR
Isanna Bruck-Fischmann, Life-Coach
Jérôme Buske, Politikwissenschaftler
Yevgeniy Buzik, Lehrer an der Gesamtschule Lindenthal in Köln
Annegret Coordes
Leah Carola Czollek, Sozialpädagogin
Alexander Dantsiger, SW-Ingenieur
Ignat Davydov, Psychologe, LMU
Mike Delberg, jüdischer Aktivist
Max Doehlemann, Komponist und Pianist
Achim Doerfer, Jüdische Gemeinde Göttingen
Olga Donskoy, Chefkochin
Olga Dudko, Geschäftsführerin und Projektmanagerin
Roman Ekimov, Fotograf
Pavel Emdin, IT-Berater
Ekaterina Ernst, Lehrerin und Menschenrechtsaktivistin
Alexander Estis, Schriftsteller
Shoshana Evers, Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie
Demian Fanschel, Arzt und Autor
Maximilian Feldhake, Rabbiner
Michael Fichtenholz, Musikwissenschaftler
Artur Fredekind, Blogger
Michael Friedman, Informatiker, Geschäftsführer INTERAKTIV
Dimitri Furman, Grafiker
Nicola Galliner, Gründerin des Jüdischen Film Festivals Berlin & Brandenburg
Katja Garmasch, Journalistin
Vladimir Genin, Komponist
Lev Gershenzon, IT-Experte
Avitall Gerstetter, Kantorin
Rina Ginzburg, Fotografin
Veronika Glasunowa, Regisseurin und Mitbegründerin aMensch e.V.
Maya Glezerova, Übersetzerin
Larisa Godik, Rentnerin
Gabriel Goldberg, Account Manager
Sergej Griff, Arzt
Michael Groys, Publizist
Jörg Grünewald, Justizbeamter (Master of Arts)
Yuriy Gurzhy, Musiker und Autor
Julia Gusenfeld, wissenschaftliche Referentin
Gerhard Haase-Hindenberg, Schauspieler und Autor
Patrick Hahne, Jüdische Gemeinde Celle, 1. Vorsitzender
Natallia Harder-Florenz, Leitende Angestellte
Simone Hartmann, Geschäftsführerin Deutsch-Israelische Gesellschaft e.V.
Simone-Sofie Haß, Ärztin
Jenny Havemann, Vorstandsvorsitzende Ha-Kesher e.V., Autorin
Gabriela Hermer, Redakteurin
Brigitte Heymann, Ruheständlerin
Daniel Heymann, Ruheständler
Yohana Rahel Hirschfeld, Abgeordnete der BV Hamburg-Altona für B 90/ Die Grünen
Johannes Honigmann, Literaturübersetzer
Mircea Ionescu, 1. Vorsitzender Menorah - Liberale jüdische Gemeinde Bremen/Bremerhaven e.V.
Alexandra Jacobson, Journalistin
Diana Jaffé, Business Consultant
Ramón Jaffé, Cellist, künstlerischer Leiter des Kammermusikfests Hopfgarten und musikalischer Programmleiter der Konzertreihe SEIN & BLEIBEN Oranienburg
Jelena Jeremejewa, Medienkünstlerin, Juniorprofessorin für Digitalen Film im Kontext der Künste an der Universität Hildesheim
Jacqueline Juergenliemk, Psychotherapeutin
Anetta Kahane, Gründerin der Amadeu Antonio Stiftung, Autorin, Publizistin
Peter Kahane, Regisseur
Alexander Kamionsky, Journalist
Vivian Kanner, Darstellerin
Sergey Kantere, Software-Entwickler
Leonid Kaplan
Guy Katz, Initiator von DACH gegen Hass
Irina Kholodna, Fotografin
Daniel Killy, freier Redakteur und Autor
Nikolai Klimeniouk, Journalist
Anna Knaifel, Musikerin
Olga Kogan, Rentnerin
Gadi Kohls, Rentner
Liliana Kohls, Rentnerin
Daniel Kohn, Vorstand, WerteInitiative e.V.
Marina Koren, Vorstandsvorsitzende aMensch e.V.
Sandra Kreisler, Darstellerin und Autorin
Ksenia Krimer, Historikerin
Yuriy Krotov, Journalist und politischer Bildner
Olga Krychevska, Leitung Grand Classic Ballet
David Kuperman, Vertriebsleiter
Helga Kurzchalia, Psychotherapeutin und Autorin
Iryna Kyrychenko, Karriereberaterin und Job-Coach
Sonja Lahnstein-Kandel, Vorsitzende Stiftung step21
Susanne Levi-Schlesier, Geschäftsführerin Jüdische Gemeinde Göttingen
Natalia Likhacheva, Dipl.-Mathematikerin
Elvira Linnewedel, Rentnerin
Maria Lipkovitch, Redakteurin und Menschenrechtlerin
Anatoli Loucher, Technischer Leiter
Elena Maaß, Sozialarbeiterin
Simon Maaß, Student
Irina Mak, Journalist und Kunstkritikerin
Sergey Malev, Unternehmer
Judit Marach, Schulsekretärin
Sonja Margolina, Autorin
Richard Markus, Wirtschaftsprüfer und Chartered Accountant
Tatjana Mass, 1. Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover
Sigalit Meidler-Waks, Kunsthistorikerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Jewish Digital Cultural Recovery Project Stiftung
John Meister, Politikwissenschaftler
Andrea Mente-Harel, Lehrerin
Anna Merkulova, Ingenieurin
Shelly Meyer, Jüdische Bildungsreferentin
Sabina Morein Gililov, Leiterin des jüdischen Kindergartens Stuttgart
Michael Movchin, Präsidiumsmitglied Makkabi Deutschland e.V.
Yuri Nikitin, Unternehmer, Vorstandsvorsitzender Freies Russland NRW e.V.
Ludmila Obuhova, Projektmanagerin und Yoga-Lehrerin
Yaroslav Olschanski, Dentalhygieniker
Bari On, Flugbegleiterin
Elizaveta Orlova, Ärztin
Walter Joshua Pannbacker, Beauftragter gegen Antisemitismus, Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein KdöR
Lidia Perlova-Griff, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Andrej Polynski, SAP-Berater
Elena Polynski, Rechtsanwältin
Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Halle (Saale)
Yefym Pysmennyi, Rentner
Jacek Rabinski, Komponist
Zwi Rappoport, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Dortmund, Vorsitzender des Landesverbands von Westfalen Lippe, Mitglied des Direktoriums des Zentralrats der Juden in Deutschland
Miriam Roschner, Schülerin
Michael Rosenblum, Prof. emer. / Physiker
Ruth Rosenfeld, Schauspielerin
Marlis Rossbach, Psychologin
Eva Rozanov, Psychologin
Daria Rozensheyn, Erzieherin
Iris Salzberg, Geschäftsfrau und Philanthropin
Esther Schapira, Journalistin und Filmemacherin
Irina Scherbakowa, Historikerin
Tuvia Schlesinger, Polizeibeamter a.D., Mitglied im Kuratorium der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Berlin
Carola Schmidt, Apothekerin
Alexandr Schnaidmesser, Historiker
Boris Schumatsky, Autor
Yuri Schwarz, Facharzt für Orthopädie
Alexander Shapiro, Diplom-Ingenieur
Anna Shibarova, Übersetzerin, Hochschuldozentin
Maria Shneyder, Ärztin
Anna Seidelsohn, Frauenärztin
Roman Seidelsohn, Web-Entwickler
Rebecca Seidler, Vorsitzende Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen K.d.ö.R.
David Seldner, Diplom-Mathematiker
Mark Semenov, Rentner
Elena Semenova, Dozentin FH Potsdam
Elina Senders
Boris Shavlov, Journalist
Benno Simoni, Lehrer in Pension
Ilya Sirota, IT-Projektleiter
Anatoli Skatchkov, Filmregisseur
Alexander Smoljanski, Regisseur
Michael Stahl, Lehrer
Anna Staroselski, PR-Consultant
Sergey Stepanyuk, Geschäftsführer
Evgeni Tanklevski, Bauingenieur
Mariya Thiel, Bankangestellte
Bertolt Karsten Troyke, Sänger
Manuel Trökes, Direktor Trökes-Archiv
Esther Tscherniak, Apothekerin
Dimitri Tukuser, Vorstand Liberale Jüdische Gemeinde Wolfsburg
Leonid Ulitzky, Ingenieur
Andrey Verbitskiy, Arzt
Svetlana Volkova, Steuerfachwirtin
Jutta Walbe, Förderschulleiterin
Simona Weisberg, Angestellte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin
Yevgeniya Yarnovska, Rechtsanwältin
Peter Mordechai Zamory, ehem. Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft für die Grünen
Rimma Zhytnytska, Ingenieurin
Marcia Zuckermann, Schriftstellerin
Helen Zweig-Rabinski, Musikpädagogin